IMAV 2012

Bremer Piloten und ihre Mikro-Flieger räumen ab: Mit Bolt & Wanze vierfach auf die Siegertreppchen

Beim internationalen Wettbewerb der Mikrofluggeräte (International Micro Air Vehicle Conference and Flight Competition – IMAV) vom 3. bis 6. Juli in Braunschweig haben William Thielicke und Dr. Klaus-Peter Neitzke vom Verein Akaflieg Bremen zwei erste, einen zweiten und einen dritten Platz belegt sowie die Indoor-Gesamtwertung gewonnen. Einmal wieder haben sie sich gegen Teams aus der ganzen Welt durchgesetzt, und auch in diesem Jahr waren sie wieder mit den kleinsten, leichtesten und schnellsten Fliegern am Start.
Nur 200 Gramm wiegt ein Quadrokopter von Klaus-Peter Neitzke, mal eben so viel wie zwei Tafeln Schokolade. Alleine der Akku macht schon gut die Hälfte des Gewichtes aus, die Bordkamera schlägt nur mit knapp einem Gramm zu Buche. Mit ihren vier Propellern bringt es seine „Wanze“, wie er sie nennt, auf bis zu 50 Stundenkilometer und einen Durchmesser von mal eben 24 Zentimetern. Mit drei Ausführungen dieses Fluggerätes war der AIRBUS-Entwicklungsingenieur angetreten: eines ausgestattet mit Navigationssystem, und die beiden anderen mit Videokamera.
Sein Vereinskollege William Thielicke hatte zwei Fluggeräte im Gepäck. Mit Hexakoptern ging der Diplombiologe an den Start. Drei Propeller oben und drei unten, und dazwischen jede Menge Hightech. Jede seiner „Bolt“ (engl. für Bolzen) wiegt 300 Gramm und hat einen Durchmesser von nur 20 Zentimetern. Echte Winzlinge, die kleinsten im Wettbewerb, und dabei enorm leistungsstark. Thielicke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Bionik der Fakultät Natur und Technik der Hochschule Bremen und schreibt gerade an seiner Doktorarbeit. Aber für diesen Wettbewerb hat er sich die Zeit genommen. Wie Neitzke ist er ein Spaß- und Überzeugungstäter. Monatelang haben die Beiden in ihrer knappen Freizeit gegrübelt, geschraubt, gelötet, programmiert und getüftelt – weniger aus Ehrgeiz als vielmehr aus Spaß an der Sache.

Hochkarätige Mitbewerber, vier anspruchsvolle Aufgaben und vier Punktlandungen

Die Teilnehmer der „Micro Air Vehicle Flight Competition“ kamen zum Beispiel von so renommierten Institutionen wie der RWTH Aachen (Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen), der TU Braunschweig, dem Institut Supérieur de l’Aéronautique et de l’Espace (ISAE, Frankreich), der University of Sheffield und der Hong Kong University of Science & Technology. Vertreten waren unter anderem auch amerikanische, japanische, russische und iranische Forschergruppen und Entwicklerteams.
Unterteilt in die Sparten Rotorflügler und Flächenflieger traten die Piloten an. Ob nun mit Rotoren oder mit Tragflächen unterwegs, alle hatten dieselben vier Flugaufgaben zu bewältigen. Der Wettkampf begann mit zwei Outdoor-Flügen auf dem Segelflugplatz Wilsche bei Gifhorn.
Beim „Outdoor dynamics“ galt es, vier Minuten lang abwechselnd durch zwei siebzig Meter voneinander entfernt aufgestellte Tore zu fliegen. Hier kam es vor allem aufs Tempo an. Die Piloten steuerten ihre Flieger mithilfe einer Bordkamera, die die Livebilder aus der Luft zur Videobrille des Piloten am Boden überträgt. Das heißt, dass der Pilot das Fluggerät auch steuern kann, wenn es sich außerhalb seiner Sichtweite befindet. Bei diesem Teil des Contests belegte das Bremer Team Platz zwei.
Beim zweiten Wettkampfflug unter freiem Himmel landeten die Akaflieger auf dem dritten Rang. Aufgabe im „Outdoor autonomy“ war es, den Flugplatz zu erkunden und die Buchstaben auf zwei im Gelände platzierten Plakaten zu lesen. Dabei mussten die Modelle einen durch GPS-Koordinaten vorgegebenen Kurs abfliegen, und die Bordkamera funkte die Bilder an einen Rechner und Monitor in der Bodenstation. Gesteuert wurden die Fluggeräte hier allein durch ihr Navigationssystem. Bei diesem vollautomatischen Flug war vor allem eine zuverlässige Technik gefragt.
Voller Erfolg für Neitzke und Thielicke dann in der Volkswagen Halle Braunschweig: Sie siegten in beiden Indoor-Wettkämpfen. Beim „Indoor dynamics“ ging es wieder darum, die Fluggeräte mithilfe der Videotechnik möglichst schnell durch zwei Tore zu steuern. Kein Problem für die Bremer. Sehr viel komplexer war die letzte Aufgabe im „Indoor autonomy“. Ein nicht einsehbarer Raum sollte erkundet und Schriftzeichen an Wänden gesucht und erkannt werden. Zudem mussten die Mikroflieger ein Objekt anheben, durch einen Schornstein aus dem Raum herausfliegen, sowie zum Schluss auf einem sich bewegenden Fahrzeug landen. Einblicke in den Raum hatten die Piloten nur über Funkkamera und Videobrille. Auch hier überzeugte das Bremer Team und gewann zusätzlich die Indoor-Gesamtwertung.

Mit der Faszination für das Zusammenspiel der Disziplinen zu internationalem Ruhm

Neitzke und Thielicke zählten am Ende zu den wenigen Teilnehmern ohne Bruchlandung oder technische Ausfälle. „Außerdem konnten unsere Multikopter alle vier Aufgaben bewältigen“, freuen sich die Flugspezialisten. Seit 2008 nehmen sie an internationalen Mikroflieger-Wettkämpfen teil, und das mit stetig steigendem Erfolg. In der weltweiten Micro-Air-Vehicle-Szene haben sie längst einen Namen. Ihre einzigartigen Fluggeräte erregen immer wieder Aufsehen. Beide beschäftigen sich auch beruflich mit Aerodynamik. Was sie an der Modellfliegerei fasziniere, sei das Interdisziplinäre, sagen sie. „Hier kommt das Wissen aus Mechanik, Elektronik, Aerodynamik, Biologie, Bionik und der Informatik zusammen, und die Herausforderung ist das Zusammenspiel all dieser Disziplinen.“

Akaflieg Bremen: Klein, aber oho – und auf der Suche nach Nachwuchstalenten

Anders als der Name es vermuten lässt, ist der Akaflieg Bremen e. V. keineswegs ein reiner Akademiker-Verein. Er wurde vor sechs Jahren an der Hochschule Bremen gegründet und pflegt enge Kooperationen mit wissenschaftlichen Institutionen. Dennoch steht er allen offen, die sich für Flugzeuge und das Fliegen begeistern. Unterstützt wird der Verein im Wesentlichen vom Institut für Aerospace-Technologie der Hochschule Bremen.
In dem Verein kommen aufgeschlossene Tüftler zusammen, vom Schüler und Hobby-Flieger über den Ingenieur bis hin zum Professor. Dort finden sich Menschen jeden Alters mit unterschiedlichsten Hintergründen. Was ihnen allen gemein ist: Sie sind neugierig und experimentierfreudig, und sie haben Spaß am Fliegen und Bau von Fliegern. Schwerpunktmäßig beschäftigen sich die Akaflieger mit der Entwicklung von kleinen unbemannten Flugsystemen sowie mit elektrischen, manntragenden Flugzeugen. Das ist unter anderem sehr interessant für die private, kostengünstige Fliegerei.
Akaflieg Bremen ist noch ein junger und kleiner, aber schon sehr erfolgreicher Verein mit spannenden Projekten. Er ist interessiert an neuen Ideen und Mitgliedern. Am Luft- und Raumfahrtstandort Bremen finden sie die idealen Voraussetzungen: Hier treffen sich Wissenschaft und Praxis auf kurzen Wegen, um gemeinsam nachzudenken und Lösungen zu finden. Der Verein ermutigt auch nachdrücklich Schülerinnen und Schüler, einfach einmal vorbeizuschauen. Akaflieg-Vorsitzender Prof. Dr.-Ing. Olaf Frommann ist sich sicher: „Es gibt viele flugzeugbegeisterte Talente in Bremen und Umzu, oder auch Menschen, die sich einfach nur für die Fliegerei begeistern. Bei uns haben sie die Möglichkeit, in lockerer Atmosphäre unverbindlich tiefere Einblicke zu gewinnen und Gleichgesinnte kennenzulernen, die sich auf vielfältige Weise mit der Fliegerei beschäftigen.“
(Sabine Nollmann / kontexta)

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